Gaumenkitzlers Stippvisite: Wien bleibt Wien (3)
19.08.2008 | Autor DerGaumenkitzler (75) | Allgemein | Kommentare (0)
Die Menge an Eindrücken in Wien ist schier unendlich. Während eines langen Shopping- und
Sightseeingtages oder danach bietet sich dem hungrigen Besucher eine Fülle gastronomischer
Möglichkeiten - passend für jeden Geschmack und Geldbeutel. Das Plachutta haben Sie im letzten Teil bereits kennengelernt. Kommen Sie heute mit auf einen Streifzug durch diese aufregende Metropole...
Wir beginnen unsere Exkursion zu Fuß im 6. Bezirk am Hotel Kummer (s.a. Wien bleibt Wien Teil 1). Hier fängt die klassische Wiener Shoppingmeile in der Mariahilfer Straße an, interessant zu werden. Alle möglichen bekannten Bekleidungsgfachgeschäfte und kleineren Boutiquen befinden sich hier - im steten Wechsel mit Frühstückscafes und Bistros.
Nach ein paar Minuten lichtet sich das Einkaufsgewirr und die ersten Prachtbauten zeigen sich dem architekturinteressierten Touristen. Das Kunsthistorische Museum und den Burggarten streifend, erreicht man in Kürze über den Opernring samt
Staatsoper das eigentliche Zentrum mit seinen exklusiven Geschäften, Juwelieren und Restaurants: die Kärntner Straße.
Unmittelbar hinter dem Opernhaus zweigt die Philharmonikerstraße ab, in der sich das vornehme Hotel Sacher befindet. Daneben eine der großen Heimsuchungen internationaler Gästescharen: das gleichnamige Cafe mit seiner berühmten, schokoladigen Torte.
Wem die Sachertorte zu süß ist, dem serviert man auch gerne einen bekömmlicheren Apfelstrudel oder ein Wiener Schnitzel - welches hier selbstredend aus Kalbfleisch gemacht wird. Da man am Eingang warten muss und nach Verfügbarkeit der Tische platziert wird, kann es durchaus zu langen Schlangen vor dem Café kommen. Sollte Ihnen die Zeit zu lange erscheinen - grämen Sie sich nicht! Am Kohlmarkt, nur ein paar Ecken weiter, wartet das nicht weniger beliebte und traditionsreiche Haus der K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel auf Sie. Probieren Sie hier unbedingt die Nougattorte - Hüftgold pur - und bewundern Sie, wie aus einer riesigen Kaffemaschine ein Brauner, eine Melange oder ein Mokka zubereitet wird. Kaffeespezialitäten, die man Ihnen in Wien stets mit einem Glas Leitungswasser serviert, welches übrigens zu den qualitativ besten der Welt zählt.
Im "Demel" können Sie auch durch eine Fensterscheibe die Zuckerbäcker bei Ihrer Arbeit betrachten. Von dort aus ist es nur ein Katzensprung zum Stephansplatz mit seinem imposanten Dom. Darin gibt es Audioführungen mit Leihgeräten in drei Preiskategorien oder eine geführte Tour inkl. Turmbesteigung. Das Eintrittsgeld dient der Erhaltung dieser beeindruckenden Kirche und der Gegenwert an Historie, Information und Kunst lohnt den Obolus allemal. Links neben dem Dom befindet sich der große Fiakerstellplatz, der schon von weitem am Geruch erkennbar ist.
Achtung: sollten Sie eine Kutschfahrt planen, handeln Sie den Preis im Vorfeld aus - sonst kann dies eine böse Überraschung werden! Den Wiener Schmäh bezahlt man hier nämlich extra. Gleich bei den Fiakern kommen Sie durch einen schmalen und dunklen Gang zum Figlmüller in der Wollzeile. Hier gibt es die wohl größten Schnitzel Wiens, aber leider auch "nur" aus Schweinefleisch. Dennoch sind hier am Abend die Warteschlangen vor dem Lokal ähnlich lang wie vor dem Café Sacher. Es empfiehlt sich, den Figlmüller zur Mittagszeit zu besuchen, oder in das zweite Lokal in der nur 50 Meter entfernten Bäckerstraße auszuweichen.
Falls Ihnen die Lust nach italienischen Gaumenfreuden steht, sind Sie unweit des Stephansplatzes ebenfalls bestens bedient. In der Singerstraße befindet sich die Enoteca Firenze. Obwohl das Restaurant eine leicht angestaubte Romantik gehobener italienischer Trattorien vermittelt, kann sich das Angebot sehen lassen! Tagliolini mit Entenleber und Trüffelsoße oder Ossobuco mit Risotto alla Milanese sind ebensolche Gaumenschmeichler wie Seeteufel in der Frühlingsrollenkruste auf Kartoffelschnee und einer beeindruckend frischen und appetitlich aussehenden Auswahl an Minigemüsen der Saison. Krönender Abschluß ist hier die hausgemachte Dessertvariation mit verschiedenen Mousses, Parfait, Cassata und einer Vielzahl von Früchten. Gerne serviert man hierzu einen passenden Vin Santo. Das Publikum ist international und das Serviceteam bestand am Abend meines Besuches aus Kellnern aller Herren Länder. Ein Italiener war nicht darunter, was den Gaumenfreuden aber keinerlei Abbruch tat. Wertung: sehr gut
Wer es noch eine Spur exklusiver mag, auf den wartet auf der 10. Etage des selben Hauses das Feinschmeckerrestaurant Settimo Cielo mit direktem Blick auf den Stephansdom. Unweit in der Spiegelgasse bekocht im Souterrain die Osteria & Pizzeria Sole Liebhaber von italienischer Pasta, Fleisch und Fisch. Hier gibt es auch Pizza, deren Zubereitung man in der offenen Showküche beobachten kann. Der Padrone empfängt dandyhaft im Anzug mit leuchtendem Einstecktuch seine zahlreichen Wiener Stammgäste mit Handschlag und die ganz Vertrauten mit Bussi. Das Vitello Tonnato ist köstlich, die frischen Teigwaren mit Seeteufelfilets bezahlbar und die Pizzen groß, aber leider etwas überteuert. Das Ambiente ist hell und freundlich und das Lokal ist alles andere als eine Touristenfalle - auch wenn man das bei der Lage im Zentrum vermuten könnte. Selten konnte mich ein Soave im offenen Ausschank so überzeugen. Wein ist in Wien generell nicht eben günstig - aber hier war er zudem auch noch gut.
Zurück auf der Kärntner Straße lockt eine Vielzahl an Juwelieren. Zahlreiche Nobelmarken geben sich hier mit Modeboutiquen ein Stelldichein und die Dichte an Schuhgeschäften ist phänomenal. Falls Sie mit einer Dame anreisen, vergessen Sie nicht, genügend Geld einzustecken! Einen Kaffeehausbesuch der besonderen Art verspricht das Hawelka. Lassen Sie sich von der schmucklosen Fassade des Gebäudes nicht täuschen. Dahinter verbirgt sich das Literaten- und Künstlerkaffeehaus überhaupt. Liedermacher Georg Danzer widmete dem Café seinen Song Jö schau und singt darin: "Jessas na, wos mocht a Nockata im Hawelka".
In warmen Sommernächten locken nicht nur die zahlreichen Heurigen in und um Wien (z.B. Wieninger in Stammersdorf). Junge und Jungebliebene zieht es auch gerne auf die Partymeile Sunken City und Copa Cagrana in Transdanubien. Mit der U1 fährt man vom Stephansplatz Richtung Leopoldau. Ausstieg Donauinsel. Von dort ist es nur ein Katzensprung zur Copa Cagrana, die durch einen schwimmenden Steg auf der alten Donau mit Sunken City am anderen Ufer verbunden ist.


Die Szenerie wirkt bei Nacht wie eine Melange aus Ballermann, Key West und Open-Air Party im Freizeitpark. Hier trifft sich die Feierszene zu Drinks und heißer Musik.
Beginnen Sie den Tag nach einer Nacht in Sunken City doch einmal mit einem Spaziergang samt (Kater)Frühstück auf dem beliebten Naschmarkt. Hier offeriert man Ihnen eine beeindruckende Fülle an internationalen Gewürzen, Gemüsen und kulinarischen Genüssen. Was dem Frankfurter seine Kleinmarkthalle und dem Münchner sein Viktualienmarkt, das ist für den Wiener der Naschmarkt.
Überall bekommen Sie von den Händlern Proben angeboten - Sie sollten besser vorher in einer der zahlreichen Bars und Lokale auf dem Markt frühstücken. Dann fällt es leichter, auch einmal nein zu sagen.
Auf dem Naschmarkt gibt es auch interessante und preisgünstige Angebote zum Mittagstisch und bereits um 9 Uhr 30 sitzen hier schon die ersten Wiener beim Veneziano, Prosecco oder Veltliner. Derart gestärkt, reicht als weitere Marschverpflegung im Laufe des Tages auch einmal eine sogenannte Eitrige mit an Bugel. Wer hier an eine nässende Hautkrankheit oder eine ungesunde Rückenverformung denkt, liegt völlig daneben. Es handelt sich hierbei um eine Käsekrainer (Wurst mit Käsestückchen - gekocht oder gebraten) und einem Endstück vom Brot. Der ortskundige Handwerker bestellt sich gerne auch noch a 16er Blech dazu, was nichts anderes ist als ein Dosenbier der Brauerei Ottakringer, welche ihr Domizil im 16. Bezirk hat. Die Käsekrainer gibt es an nahezu jedem Würstlstand in der Stadt oder natürlich im Prater (U1 - Praterstern).
In der Würstlhütte (Parzelle 149) steht ein Original am Kioskfenster, das man einmal erlebt haben sollte. Den Wirt bringt nichts aus der Ruhe. Mit stoischer Gelassenheit schlurft er durch sein chaotisch aussehndes Küchenrefugium und brät die vorgebackenen Würste in einer kleinen Teflonpfanne für jeden Gast nach Bedarf zu Ende. Hier fällt einem gleich der Österreicherwitz vom Weinbergschneckensammeln ein, in dem der Wiener seinen Misserfolg wie folgt quittiert: "immer wann i mi buck - husch, husch - sans furt!" Ein paar Meter steht die längste Geisterbahn Europas. Lassen Sie sich nicht täuschen! Es ist mit angrenzender Wahrscheinlichkeit auch die hässlichste. Sie haben aber noch mindestens drei weitere Alternativen im Prater zur Auswahl, welche Sie bevorzugen sollten.
Ob deftige Speisen im Gulaschmuseum (u.a. rund 15 Varianten dieser Fleischspeise) oder Gourmettempel - in Wien findet jeder Besucher etwas nach seinem Schnabel. Und darunter auch viel Gutes. Zusammen mit einer Vielzahl an Museen und Ausstellungen, Kunst, Literatur und Musik reichen wenige Tage nicht aus, diese Schätze auch nur annähernd in ihrer Bandbreite auf- und wahrnehmen zu können. Aber Wien läuft Ihnen ja nicht davon, wenn Sie den Entschluß treffen sollten: ich komme wieder!
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Wien wartet darauf, von Ihnen entdeckt zu werden - in diesem Sinne
Servus & Baba - Ihr Gaumenkitzler





