Begleiten Sie den Gaumenkitzler einen Tag lang auf der Messe Ambiente. Da wir uns mitten in der aktuellen Karnevals-Saison befinden, ist natürlich nicht alles so bierernst zu nehmen, weshalb der Bericht vorsichtshalber als Alltagssatire ausgezeichnet wird ;-)
Sonntag Morgen 8:15 Uhr
Der Wecker reisst mich - sich seiner Unbarmherzigkeit nicht bewusst seiend - aus nur fünfstündigem Schlaf. Heute ist Messetag. Die Ambiente in Frankfurt lockt mit ihren Austellern und Ausstellungen zum Thema Einrichtungstrends und Gastronomieneuheiten, so dass natürlich ein RK-Reporter nicht fehlen sollte. Die Tasche ist schon mit Fotoapparat, Aufnahmegerät und dem klischeehaften Reporterblock von Moleskine samt Stift bewaffnet, die Pressekarte nebst Parkausweis liegt schon über eine Woche auf meinem Schreibtisch und alle zusammen warten darauf, dass ich mir den Schlaf aus den kleinen Augen wasche und mich auf die Fahrt begebe.
8:40 Uhr
Auch Madame Gaumenkitzler steht endlich im Bad. Im Hotelfach beheimatet, hat sie selbst ein nicht uneigennütziges Interesse an der Ambiente und kommt mit.
9:50 Uhr
Wir sind auf der Autobahn Richtung Frankfurt "Mainhattan". Während ich im Kopf noch einmal die Tagespunkte durchgehe, schlage ich den Weg ein, den ich seit 15 Jahren zur Messe fahre: kurz vor der eigentlichen Autobahnausfahrt mit der Aufschrift
Messe gibt es eine winzige Behelfsausfahrt, die durch eine Kleingartenkolonie führt und über die man dem üblichen Messestau entgeht, der sich vor der Einfahrt zum Parkhaus meist bildet. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als einen dieser Warnweste tragenden Parkplatz-Hilfssheriffs, die dich schon aus einem Kilometer Entfernung mit fuchtelnden Armbewegungen einzuweisen beginnen und erst dann mit dem Rollfeld-Fluglotsen-Spielen aufhören, wenn du den Motor abgestellt hast. Manche dieser Wichtigtuer sehen darin scheinbar eine Lebensaufgabe, nachdem sie beim Casting für Leichenwagenbremser durchgefallen sind. Grrrrraarrrhhhhh!
Ich steuere also verträumt auf meine Behelfsausfahrt zu. Kurz, bevor ich diese rot-weiß gestreifte Schranke durchbreche, reisst mich ein herzhaftes "Schaaatz!" meiner Frau aus den Autofahrerträumen. Haben die meinen Gaumenkitzler-Privatweg gesperrt - ich werde mich bei der nächsten gelben Warnweste beschweren!
10:28 Uhr
Wir fahren durch Tor 10 auf den Aussteller- und Presseparkplatz. Die einsame gelbe Warnweste dort wedelt erstaunlich kurz - vermutlich, weil ich Gas gebe, als ich auf ihn zufahre. Dann schnell durch die Kälte - rüber zum Eingang von Halle 10. Davor steht ein Wachmann mit rot verfrorenem Kopf - trotz russischer Schapka auf demselben. Ich grüße ihn freundlich mit "Guten Morgen" und bekomme als Antwort nur ein düdeliges Signalgebimmel seines Funkgerätes. Irgendwie erinnert mich das an R2-D2 aus Krieg der Sterne.
Rein in die Halle - es wird warm und nun kann es losgehen!
10:45 Uhr
Mir fällt ein, dass ich noch nicht gefrühstückt habe und sowohl mein Magen, als auch der meiner Gemahlin zu knurren beginnt. Keine Arbeit ohne Grundlage - also erst einmal in Halle 4 spazieren, um im groß angepriesenen "Highland-Café" etwas zu schnabolieren. Dieses stellt sich als ein gewöhnlicher Messe-Imbiss heraus, welcher lediglich mit ein paar karierten Stoffbahnen schottentauglich aufgemotzt wurde. Das Angebot ist ähnlich frustrierend, wie an den anderen Ständen auch. Ich vermisse die seit Jahren von mir verkonsumierte
Oberhessische Rindswurst auf der Karte. Ich vermute, es haben sich zu viele Gäste beschwert, die sich beim ersten Biss in diese das Fett in die Augen gespritzt haben. Vielleicht war ein Amerikaner darunter und hat die Messegesellschaft gleich einmal auf 20 Millionen Dollar verklagt. Egal - ich nehme eben ein Paar Frankfurter - Madame ein Brötchen mit PVC-artigem Mozzarellabelag. Also ich muss sagen: ich bin immer wieder begeistert von diesen Industriemetzgern. Wie die das schaffen, das Wurstbrät in einen Darm zu quetschen, der im gefüllten Zustand den Durchmesser eines MC Donalds Strohhalms hat - Hut ab. Das reinste Würstchenmikado.
Die ersten Schmerzen sind aber beseitigt - auf gehts zur Pflicht.
11:15 Uhr
Im Saal Europa ist gerade die Kaffeeolympiade 2009 zu Gange. Eine Moderatorin - nennen wir sie Janis - stolpert ziemlich desorientiert über die Bühne und vermittelt bruchstückhafte Informationen mit unnötig langen Sprechpausen. Ich ermüde, versuche aber, ihren Ausführungen zu folgen. Mitschreiben ist zumindest kein Problem bei dem Tempo. Sie bietet den Kauf eines Buttons an, mit dem man für 5 Euro unbegrenzt Kaffeespezialitäten beim Barista vor der Türe orden könne. O-Ton Janis: Sie kommen mit dem Bus, einer kauft den Button und 40 Mann trinken Kaffee, so viel sie wollen." Ich spiele Busgesellschaft und hole uns
due grande cappuccini.
12:15 Uhr
Es bleibt etwas Luft bis zur ersten Siegerehrung - Zeit, über die Messe zu flanieren und andere interessante Dinge zu entdecken. Die Strohhalmwürstchen sind bereits verdaut und ein leichtes Knurren kehrt zurück. Zusätzlich setzt der erste Teil des "Messekollers" ein: die Schulter schmerzt von der Umhängetasche.
Ich fotografiere die Ausstellung zur Plagiarius-Verleihung - dem "Oscar" in Gartenzwerggestalt für die dreisteste Markenkopie.
Dann schnell zur Halle 9 - auf der Suche nach Anbietern japanischer Kochmesser und italienischer Siebträgermaschinen.
13:20 Uhr
Hier steppt der Bär. Alle paar Meter steht ein Koch an seinem High-Tec-NASA-Herd und bruzzelt etwas in eine Kamera oder für interessierte Besucher. Und an jeder Ecke lafert oder lichtert einem ein Promikoch als Pappkamerad in Lebensgröße entgegen.
Plötzlich entdecke ich ZDF-Fernsehgartenkoch Armin Roßmeier. Der Blondschopf hat sich für seinen Auftritt eine Elvis-Gedächtnistolle gezwirbelt, dass der King posthum vor Neid erblassen würde. Ich rücke näher heran, bis ich direkt vor seinem Lammfilet stehe, welches er mit Salbei anbrät, während sein Kochkollege mit einem Zaubergerät aus einer Karotte kilometerlange Monsterjulienne schnibbelt. Mein Magen grollt, so dass mich eine ältere Dame finster anschaut. Nein - ich habe keine Blähungen - nur Hunger! Roßmeier löffelt ununterbrochen aus seiner asiatisch gewürzten Ratatouille. Sie scheint ihm sehr gut zu schmecken. Nutzt mir auch nichts. Er ist völlig versunken in seiner meditativen Löffeleinfuhr, dass die ihm gestellten Fragen aus dem Publikum nur mit einiger Zeitverzögerung auf seiner Festplatte ankommen. Das Filet ist noch nicht fertig - ich muss hier weg.
13:40 Uhr
Ein paar Meter weiter flitzt TV-Gusto Koch Carsten Dohrs mit einer Sushiplatte an mir vorbei. Wollen die mich foltern? Immerhin macht er Werbung für eine japanische Messermarke, über die ich Infos suche. Hier bin ich richtig.
Ach, da drüben ist ja der Silit-Stand. Mit der Innovation einer Pfanne, die ein eingebautes Bratenthermometer im Griff hat, haben die Macher sich die Kochprofis als Zugpferde ins Boot geholt.
Ralf Zacherl und Mario Kotaska stehen mit einem Gläschen Prickelbrause am Stand und diskutieren vermutlich, welches Lokal sie als nächstes in die Fernsehpfanne hauen. Ein Blick auf die Uhr: ich muss zurück zur Kaffeeolympiade - der Latte Art Contest steht an!
14:00 Uhr
Janis irrt wieder über die Bühne und erzählt dem desinteressierten Publikum, dass es nach dem Genuss einer Flasche Vecchia Romagna keine Kopfschmerzen am nächsten Tag gäbe.
Sie habe es probiert und es stimme. So sieht sie auch aus. Kopfschmerzen hat sie keine, aber dafür deutliche Defizite im Sprachzentrum.
Spannend wird es, als Baristafavorit Jörg Kranke auf die Bühne kommt und ein Hundegesicht in den Milchschaum seines Cappuccinos zaubert. Die Masse tobt. Ich auch und hole mir gleich wieder ein paar Becher Cappuccino für meine Reisegesellschaft und mich. Denn der zweite Teil des "Messekollers" setzt ein: Müdigkeit. Das Zeug beginnt zu wirken - muss es auch bei der Moderatorin.
14:30 Uhr
Bevor die Baristameisterschaft beginnt, gönnen wir uns wieder einen Fußmarsch ans andere Ende des Messegeländes, noch immer auf der Suche nach Espressomaschinenherstellern.
Doch es gibt nichts Amtliches - nur kleine, bunte Padmaschinen oder Siebträgermaschinen aus Hongkong. Und jede Menge Gäste aus Indien in dieser Halle. Warum riechen die eigentlich nach Mottenkugeln? Langsam beginnen sich sämtliche Aromen aus 1001 Nacht in der mit Sauerstoff unterversorgten Messehalle breit zu machen. Quasi ein euroasiatischer Geruchsmix aus deutschem Grillgut aus der Teflonpfanne, gepaart mit internationalen Transpirationsvarianten, die aus Polyesteranzügen herausquellen.
Trotz allem habe ich immer noch Hunger - kein Wunder, wenn an jeder Ecke irgend ein schmatzender Gast steht und sich Häppchen einverleibt. Egal - ich bin ja nicht zum Essen hier. Zur Not tut es auch mal ein Kaffee für zwischendurch. Langsam muss ich aber aufpassen. Meine Halsschlagader ist schon dreimal so dick wie die Frankfurter von heute früh. Nicht dass mir der Kopf platzt.
Noch einmal schnell in die Halle 6 - dort gibt es Einrichtungstrends aus dem Reich der Mitte.
Auf der Rolltreppe dorthin kommen wir an einem Sushistand vorbei. Ein deutsch aussehender Mann im Beamtenoutfit kämpft mit seinen Stäbchen. Er hat sicher genausoviel Hunger wie ich. Aber ihm fällt dauernd die Makirolle aus dem japanischen Essgerät. Ich habe Mitleid mit ihm, will zu ihm hingehen und ihm zeigen, wie man das macht. Und ihm dabei die Platte leeressen. Ja, das mache ich! Doch meine Frau zieht mich weiter.
15:15 Uhr
Teil 3 des "Messekollers" setzt ein: die Füsse tun weh. Wir beschließen, die nächste Siegerehrung bei den Kaffeekünstlern im Sitzen zu verbringen und lösen dabei gleich unsere nächsten Heißfreigetränke in Halle 4 ein. Ich spüre meinen Herzschlag jetzt schon in der linken Ohrgegend, während mein Magen in einer Lautstärke knurrt, dass sich schon Janis auf der Bühne verunsichert umschaut. Dann wird sie abgelöst. Der Kollege ist ein wenig flockiger drauf und so langsam kommt Spannung auf.
Leider versperren mir die Kamerateams von Kabel 1 und Co. den Zugang zur Bühne, aber vor der Pressewand komme auch ich dann zu den ersehnten Gewinnerschnappschüssen.
Als gegen 17 Uhr die Hauptsiegerin gekürt wird, habe ich das Gefühl, den Cappuccino-Jahresverbrauch einer 12-köpfigen Großfamilie degustiert zu haben. Ich fürchte, für das eingesparte Geld bekommt man eine Altbau-Doppelhaushälfte in der Uckermark.
16.50 Uhr
Frau Gaumenkitzler kann mein Geknurre aus der Magengegend auch nicht mehr hören und wir beschließen, am Abend noch ein Restaurant zu testen. Sie versucht verzweifelt, telefonisch eine Wegbeschreibung dorthin zu eruieren.
Zwischenzeitlich begeben wir uns wieder nach Halle 9, um das letzte Stockwerk nach italienischen Siebträgerproduzenten zu durchforsten. An dem Stand eines Solinger Messerherstellers verweilend, erklärt mir die nette Dame, dass sie nun auch handgeschmiedete japanische Messer im Angebot hätten. Ein Schmiedemeister aus dem Land der aufgehenden Sonne schleift gerade eines seiner Kunstwerke. Ich begutachte ein 32-fach gefaltetes Santoku, dessen Klinge nach 16-maligem Falten einmal komplett verdreht wird, so dass sich die typischen Damastmuster auf den beiden Klingenseiten gespiegelt diagonal gegenüber stehen. Ein unglaublicher Effekt. Während ich das 1300 Euro teure Küchenmesser in Händen halte, träume ich davon, wie ich mir mit ihm beim Zwiebelwürfeln den Zeigefinger abschneide und noch auf dem Weg ins Krankenhaus dem Notarzt von der tollen Haptik des polierten Kastanienholzgriffes vorschwärme. Ein Traum!
17:40 Uhr
Wir wollen gerade aufgeben, als in der letzten Halle, im letzten Stock und dem letzten möglichen Gang ein kleiner Stand auftaucht, an dem die verchromten Mailänder Espressoboliden angeboten werden. Na endlich - sogleich wird das Gespräch mit dem Verkäufer gesucht. Als seine Assistentin uns höflich einen Kaffee anbietet, lehnen wir dankend ab - wir haben bereits Flüüügel. Ein Becher Wasser wäre aber sehr willkommen.
Zufrieden ob der nun erledigten Programmpunkte machen wir uns auf zum Parkplatz.
Als wir in die Kälte hinaustreten, verabschiede ich mich beim Wachmann und R2-D2 düdelt wieder mit seinem Funkgerät zurück.
18:00 Uhr
Vor lauter Koffein im Blut und verwirrt von den gelben Warnwesten-Heimwärts-Winkern fahre ich prompt auf die falsche Autobahn. Das schenkt der Gattin aber kostbare Zeit, um weitere Telefonate zu führen, die den Standort des Lokales in Erfahrung bringen sollen, an dem wir unsere verdiente Abschlussmahlzeit zu uns nehmen wollen.
Als wir dort um 19 Uhr endlich ankommen, empfängt uns das Schild "Heute geschlossene Gesellschaft" am Eingang.
Vor lauter Verzweiflung fahren wir weitere 22 Kilometer, um bei einem Kleinstadt-Chinesen einzukehren - dem letzten Notnagel, der auf unserer Route liegt.
Dort erwartet uns dann gegen 20 Uhr das schlechteste Essen der letzten 20 Jahre und der stolze Preis von 6,30 Euro für ein Hefeweizen. Ich hätte dem hilflosen Mann auf der Messe den Sushiteller klauen sollen...
21:00 Uhr
Ein Tag als knurrender RK-Reporter geht zu Ende - vor mir liegen noch rund drei Stunden Arbeit, um den Artikel aufzuarbeiten. Die nächste Messe kommt bestimmt und bis dahin verabschiede ich mich mit einem dreifach donnernden
RK-Helau, Alaaf und Ala!