Gaumenkitzlers Stippvisite (3): Den Kastelruther Wirten auf den Zahn gefühlt - FINALE

16.12.2007 | Autor DerGaumenkitzler (75) | Allgemein | Kommentare (6)

gk_stipp_logo-4.jpgIm letzten Teil unseres Kastelruthrundgangs werden sich noch einmal Gastronomen dem Urteil des Gaumenkitzlers stellen müssen. Wer schafft es, wer nicht? Heute beginnen wir den Reigen mit dem bereits mehrfach erwähnten Hotel Cavallino (Oswald v. Wolkenstein Straße - direkt am Kirchplatz) - dem einstigen Goldenen Rössl, welches mich schon zu Kinderzeiten magisch anzog. Das Hotel macht von aussen einen gediegenen Eindruck, durch ein großes Fenster neben dem Eingang schaut man auf den gut sortierten Barbereich. cavallino.jpg Das Restaurant ist noch geschlossen. Ich teile der Empfangsdame an der Rezeption meinen Tischwunsch für zwei Personen mit. Freundlich und hilfsbereit kümmert sie sich um mein Anliegen und reserviert einen Tisch für 18 Uhr. Die vierzig Minuten bis dahin empfiehlt uns die Dame - wenn wir möchten - in der Bar zu überbrücken. Das Ambiente des Barraumes verströmt leicht nostalgisches Flair - angefangen von den Tapeten bis zu den Möbeln. Die Bardame erfüllt den Wunsch nach zwei Aperol-Prosecci umgehend. Pünktlich um 18 Uhr holt uns die Rezeptionistin ab und geleitet uns bis zum Eingang des Restaurants. Es fällt auf, dass die Dame in ihrer Satinbluse unangenehm transpiriert und eine Wolke hinter sich herzieht. Der Chef de Rang begrüsst uns herzlich und führt uns an den Platz. Auch hier fällt eine gewisse Ungepflegtheit auf. Schmutzige, völlig abgetretene Schuhe, heruntergetretener Hosensaum und ein speckiges Revers. Den Eindruck reisst auch die schwarze Fliege nicht mehr raus. Nach einem Blick in die Weinkarte ordere ich bei dem Herrn eine Flasche BIO-Lagreiner aus der Region, welche leider ausverkauft ist. Er empfiehlt eine andere Position und mit dem Öffnen und Einschenken des Weines und der Essensaufnahme ist sein Dienst am Gast beendet. Service: Den Gruß aus der Küche serviert ein Lehrling - völlig kommentarlos. Keine Begrüßung, keine Erklärung. Wortlos stellt er den Teller ab und verschwindet. Diese unhöfliche Art zieht sich durch den ganzen Abend. Auch die Dame von der Rezeption hilft dann im Service mit. Es wird nie gefragt, ob es geschmeckt hat und nichts zu den aufgetragenen Speisen erklärt. Kein einziges Mal wird Wasser oder Wein nachgeschenkt. Urteil: mangelhaft Speisen: Aus dem Menü und der Tageskarte stellen wir uns drei Gänge zusammen. Die Bärlauchsuppe ist sehr spinatlastig im Geschmack, was doch etwas verwundert. Offensichtlich war der Bärlauch ausgegangen. Als Zwischengang serviert man uns Wildravioli mit Trüffel. Die Ravioli zu fade im Geschmack und die Trüffel gehen leider völlig in einer sahnigen Sauce unter und verfehlen ihre Wirkung komplett. Zu den Vorspeisen wird ein Brotkorb gereicht. Die verschiedenen Sorten sind von unterschiedlicher Qualität und Frische. Das normalerweise knusprige und krümelige Schüttelbrot ist zäh und zieht sich wie Gummi. Zum Hauptgang gibt es Kaninchenfilets mit Polenta und Gemüse. Das Fleisch ist gut zubereitet, wenngleich ihm ein paar Kräuter gut getan hätten. Die Polenta auch hier zu neutral - es fehlte an weißem Pfeffer und etwas frischem Parmesan. Das Gemüse war leider etwas verkocht. Alles in allem war die Leistung wenig überzeugend, so dass wir auf ein Dessert verzichtet haben. Fazit: zur reinen Nahrungsaufnahme und zum Sattwerden ausreichend. In Anbetracht des Preises von 120 Euro für Essen, eine Flasche Wein, Wasser und Espresso gemessen an der Leistung von Küche und Service allerdings für mich nicht unbedingt empfehlenswert. Doch es gibt auch noch positivere Erlebnisse im Spatzendorf! Nämlich dort, wo das Plakat mit der Spatzenpizza die Urlauber in Scharen anlockt: im Restaurant & Pizzeria Toni. toni.jpg Das Lokal liegt direkt an der Hauptdurchgangsstraße und bietet ein paar Sitzgelegenheiten im Freien. Durch einen Flur gelangt man an die Theke mit dem großen Pizzaofen und rechts davon geht es in den Gastraum, der nüchtern eingerichtet und mit Tischen vollgestopft ist, um möglichst viele Gäste bewirten zu können. Es empfiehlt sich zu reservieren oder frühzeitig zum Essen zu kommen, bevor die zahlreichen süditalienischen Gäste ihre Zelte aufschlagen. Wir haben Glück und ergattern - obwohl es erst kurz vor 18 Uhr ist - die letzten beiden Plätze. Service: Leider arbeitet an dem Tag nur eine Bedienung im Service, was zu längeren Wartezeiten führt und wir müssen Geduld mitbringen. Aber die Dame ist auf Zack. Sie macht alles im Alleingang: Bestellungen aufnehmen. Getränke und Essen servieren, Abräumen, neu eindecken, Abkassieren. Und dabei vergisst sie niemals, was noch zu tun ist und schielt schon immer mit einem Auge zu dem Tisch, an dem sie noch etwas zu erledigen hat. Sie wird nach solch einem Tag wissen, was sie geleistet hat - wir auch. Urteil: sehr bemüht - auch wenn es etwas länger dauert. Speisen: hier bekommt man eine breite Palette an Südtiroler Hausmannskost, Pizza aus dem Steinofen oder Nudelgerichte mit süd- und norditalienischer Prägung. Die Spaghetti mit Öl, Knoblauch und Pepperoncini waren al dente und von gutem Geschmack. Der gebackene Fisch mit Salat und Brot absolut in Ordnung und auch das Wildgulasch mit Speckknödeln brauchte sich nicht zu verstecken. Hier bekommt man zu zivilen Preisen gutes Essen - nicht mehr und nicht weniger. Beim Verlassen des Lokals stapeln sich bereits schon wieder Gäste im Flur. Dieses Lokal ist und war seit jeher ein Publikumsmagnet. Fazit: Gutes Preis-Leistungsverhältnis, viele Einheimische und Süditaliener zu Gast. Wertung: gut Zum Abschluss sei dem zukünftigen Kastelruth-Urlauber gesagt: Die Gastronomie im Ort und den benachbarten Weilern oder auch in Seis und Völs ist sehr vielfältig. Auf authentische regionale Küche stösst man immer wieder und zumeist ist die auch wirklich gut gemacht. Wer riesige und knusprige Pizzen liebt, dem sei noch die Sportbar empfohlen. Freunde der rustikalen Haxen-, Speckknödel-, und Kaiserschmarrenküche sind in der gemütlichen Schlernhex bestens aufgehoben. Richtig schlechtes Essen gab es nicht - nur manchmal - gemessen am Preis - stark verbesserungswürdige Leistungen in Service und Küche. Wanderer auf der Seiser-Alm können sich beruhigt darauf verlassen und freuen, dass auf den bewirtschafteten Hütten (Schwaigen) durchweg gute Qualität abgeliefert wird und die Tage der aufgewärmten Erbsensuppe mit Wurst lange der Vergangenheit angehören. Insbesondere die Arnika-Hütte, die Schlernhäuser und die Molignonhütte offerieren dem hungrigen Gast ein großes Spektrum an Spezialitäten in guter Qualität - manchmal sogar zu gut und üppig, um noch Stunden weiter zu wandern... Ein paar Impressionen: arnika.jpgschlernhaus.jpg plattkofel.jpg Seien sie im kommenden Jahr wieder dabei. Dann besucht der Gaumenkitzler einen Sternekoch im Nachbarort Seis, der zusammen mit seiner Hamburger Gattin dort ein viel gepriesenes Restaurant betreibt. Text & Fotos: Der Gaumenkitzler

Bayern

Kommentare (6)

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16.12.2007 bearbeiten
Glanert

Hallo erstmal, ich weiss ja nich' ob Sie's wussten - aber die Kritiken sind fair, sauber und fundiert geschrieben. Sollten Sie mal in der Gegend sein, würde ich mich freuen, von Ihnen auch mal "analysiert" zu werden! Angst davor hab' ich keine! Ich liebe nämlich meinen Beruf, auch wenn dieser nur selten perfekt abläuft. Wäre interessant zu sehen, wie wir dabei abschneiden. Vielleicht hilft's uns ja auch, (in jedweder Hinsicht ;-))bekannter zu werden. Also dann, bsi zur Feuertaufe. Herzliche Grüße aus Bad Camberg, J.Glanert

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17.12.2007 bearbeiten
Der Gaumenkitzler

Vielen Dank für die Nachricht.

Für Ihre Region wäre eigentlich mein Kollege Pannekloepper zuständig, aber man kann vor dem Gaumenkitzler nie sicher sein ;-)
Weiterhin gutes Gelingen in Ihrem Haus!

Viele Grüße

Der Gaumenkitzler

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17.12.2007 bearbeiten
Joscha1962

Hallo Gaumenkitzler,
hat Spaß gemacht und ist sehr gut geschrieben.

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17.12.2007 bearbeiten
Der Gaumenkitzler

Dankeschön für die vielen Blumen :-)
Bleiben Sie mir weiterhin als Leser gewogen - das würde mich sehr freuen. HG Der Gaumenkitzler

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18.12.2007
ruffing_harald (0)

Hallo GK - alter Freund!

Für mich als Wahl-Südtiroler eine echte Bestätigung meiner Erfahrungen...

Wenn ich "gut drauf bin" dann schreibe ich mal meine Erfahrungen zu der Region um Bozen und Jenesien in diesen Blog!

HG
P.

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23.12.2007 bearbeiten
tft

Vielen dank für die Kritik/den Tipp, werde es demnächst mal austesten :)

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