Mein Sohn wohnt im Studentenwohnheim in der Vorstraße, also ganz in der Nähe des Restaurant "Matisse". Das war auch der Grund, dort zum Abendessen einzukehren.
Von außen ein einladender Anblick: ein freistehendes, einstöckiges Haus mit schönem Biergarten.
Mit drei Personen fand man gegen 19:00 noch ohne Probleme einen freien Tisch. Die Karten (leider ziemlich speckig und abgegriffen) bieten das volle Programm aus italienischer/internationaler Küche. Allerdings auch keine Neuigkeiten: Pizza Prosciutto, Bolognese, Broccoli Gratin, Spagetti Carbonara - das Übliche eben.
Aber warum auch nicht? Diese Gerichte können ja sehr lecker sein.
Doch - man kann sich kaum entscheiden, denn:
über 200 Gerichte sind auf der Karte verzeichnet!
Bei solchen Speisekarten habe ich immer ein ungutes Gefühl: so viele verschiedene Gerichte kann keine Küche der Welt täglich frisch zubereiten, darum gehe ich hier von minderwertigen Convenience-Produkten in großem Stil aus.
Schade.
Wenn ich essen gehe, erwarte ich dass jemand für mich kocht. Frisch natürlich, und kreativ.
TK-Produkte und Fertigmenüs kann ich mir für wenig Geld auch im Supermarkt besorgen. Im Restaurant erwarte ich Frische!
Und Service. Ach ja...
Aber dazu später.
Um möglichst wenig Tüte und Geschmacksverstärker auf dem Teller zu haben, entschieden wir uns für Pasta und Pizza in der Hoffnung, dass hier wenigstens Soße und Belag frisch sein müßten.
Wir bestellten also bei der sehr freundlichen, aber aufgrund ihrers (nach eigener Aussage) ersten Einsatzes in diesem Lokal auch unsicheren Kellnerin:
- Pasta mit Lachsstreifen in Tomatensoße, Basilikum, Mozarella, Cognac
- Pizza Venezia mit Basilikum, Schinken, Champignons, Parmesan
-Pizza Gorgonzola mit Champignons
So weit, so schlicht.
Der sehr eilige, sehr unbeteiligte, unfreundliche Kellner, der offenbar für uneren Tisch zuständig war, machte von Anfang an Eindruck auf uns:
er blickte grundsätzlich überall hin - nur nicht zu uns. Mit seinen drei Kollegen unterhielt er sich offenbar über ernste Themen, denn das Team machte flächendeckend missmutige bis grantige Gesichter. Dabei war das Lokal inzwischen gut besucht und wir hätten auch gern bestellt.
Dies erledigte die junge Kellnerin (erster Tag!) und nahm immerhin schon mal die Getränkebestellung an: zwei Biere, eine Cola.
Die Gläser kamen schnell, das Bier sehr lecker und gut gezapft. Immerhin.
Bis zur Essensbestellung mussten wir nicht lange warten. Das junge Mädchen (Studentin?) schaute immer mal wieder zu unserem Tisch hinüber und bemerkte so schnell, wann wir unsere Auswahl getroffen hatten.
Erstaunlich kurze Zeit später kamen die Gerichte zeitgleich am Tisch an.
Die Pizza Venezia optisch ein Highlight, schön angerichtet der Schinken, der gehobelte Parmesan, das frische Basilikum auf etwas zu dickem Teigboden (aus der großen Packung). Geschmack ok.
Das Pastagericht meiner Tochter hingegen überzeugte schon von der Optik her wenig. Im Geschmack noch weniger.
Auf einem kleinen Teller befand sich eine kleine Portion Pasta, die in einer roten und dickflüssigen, nach Tüte und vielen Aromazusätzen schmeckender Tunke lag. Cognac? Wohl kaum. Und wenn doch, in makrobiotischen Dosen.
Ein paar wenige als Lachsfleich zu erkennende Streifen Fisch lagen darin, alles andere war bis zur Unkenntlichkeit zerkocht. Entweder Tüte oder nahe dran.
Schade, denn so ein simples Gericht läßt sich in kurzer Zeit auch vom ungübten Koch herstellen. Meine Tochter jedenfalls war enttäuscht. Pasta mit Lachs ist eines ihre Lieblingsgerichte. Eigentlich kann man nicht viel falsch machen.
Eigentlich.
Meine Pizza Gorgonzola war ein Knaller: sehr kalter, vollkommen ungewürzter Spinat in dicken Batzen in Gesellschaft von geschmacksfreier Tomatensoße und Blauschimmelkäse! Furchtbar! Und auch hier, der etwas zu dicke Einheitspizzaboden.
Kalter Spinat und keinerlei Würze! Man verließ sich in der Küche offenbar auf die Würzkraft des Käses oder das Nichtvorhandensein von Geschmacksnerven beim Gast.
Ich sortierte die unappetitlich dicken Spinatberge aus, schaufelte sie auf den Tellerrand und probierte, was übrig blieb. Bald gab ich enttäuscht auf und ließ eine Menge Pizza und Spinat auf dem Teller zurück.
Nein, das hatte nicht geschmeckt, überhaupt nicht.
Doch zwischendurch noch mal ein Getränk zu bestellen fiel schwer. Der für unseren Tisch zuständige Kellner schaute immer noch überall hin, nur nicht zu uns. Gerne sprachen die drei männlichen Servicekräfte auch miteinander, indem sie dem Gastraum den Rücken zudrehten und angestrengt die Gläserreihen in den Regalen betrachteten.
So können die Gäste die schönen Rücken der Servicegarde bestaunen, das hat ja auch was für sich.
Die Aufmerksamkeit des geballt männlichen Serviceteams galt jedenfalls hauptsächlich sich selbst, nicht den Besuchern.
Aber ja, da gab es docheine Ausnahme: die junge Studentin, die Anfängerin, sie ließ sich erweichen, bemerkte den Blick der Gäste, eilte herbei, war freundlich, brachte flugs neue Getränke.
Bei ihr könnten sich die männlichen Kollegen eine Menge abschauen. Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Beratung - alles vorhanden bei ihr, aber absolut nicht vorhanden bei den betont lässig, unbeteiligt sich gebenden und alles andere als freundlich kommunizierenden Servicekollegen.
Der Begriff "Kellner" kommt mir bei solchen Leuten nicht über die Tastatur.
Ein Kellner beherrscht seinen Beruf, übt ihn im besten Fall gern aus, tut wenigstens so, ist Aufmerksamkeit, ist Freundlichkeit in Person, möchte dass der Gast sich wohlfühlt.
Nichts davon hier. Als unsere Teller (schnell) abgeräumt wurden, kein Blick, keine freundliches Wort. Nur ein sehr flüchtiges, sehr barsches: "Hatsgschmeckt?"
Das klingt wie mit der Pistole geschossen und klingt nach allem, nur nicht nach ehrlichem Interesse.
Man merkte es dem Herrn in Schwarz an, er hatte es eilig, unseren Tisch leer zu bekommen für die nächsten Gäste. Muffelige, unfreundliche Geschäftigkeit in Person, interessierte es ihn nicht im Ansatz, warum auf zwei Tellern so viel übrig geblieben war.
Nein, mit so viel Unlust und Unfreundlichkeit sollte man nicht in der Gastronomie tätig sein. Eindeutig eine Fehlbesetzung!
Fazit: für ein gut gezapftes Bier im Sommer auf der schönen Terasse ist das Matisse in Ordnung. Möchte man gut essen, legt man Wert auf einen freundlich-kompetenten Service - dann sollte man das Matisse meiden.
Weit muss man nicht fliehen - die Mensa der Universität Bremen stellt etliche Gerichte gekonnter her als die Küche im Matisse. Und das zu einem unschlagbaren Preis! :)
Die Preise im Matisse sind günstig, nur werden sie nicht vom Steuerzahler bezuschusst. Gute Küche ist auch zu niedrigen Preisen möglich, allerdings funktioniert das nur mit Einschränkungen. Eine knappe Karte z.B. mit drei oder vier Tagesgerichten, viel vegetarisch, wenig Wareneinsatz. Frische bedeutet Einschränkung in der Menge, aber zugunsten der Qualität.
Über 200 Gerichte mit allem, was Fleisch, Fisch, Pasta und Pizza so bieten, lassen sich für einen Durchschnittspreis von 8-10 € nicht frisch herstellen.
Schade, dass immer noch viele Wirte dieses Konzept fahren: viel, billig, fast alles aus der Großpackung.
Doch selbst bei gutem Essen: Voraussetzung, dass Gäste sich wohlfühlen können, ist natürlich ein überzeugter, seinen Beruf mit Leidenschaft ausführender Gastronom.
Der letzte Punkt dürfte im Haus "Matisse" das größte Problem sein.
Schade.
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